Impressionen / Presse
Das feurige Temperament des Südens
Das Ensemble Los Romeros im schweizerischen Rheinfelden.
Die Geschichten, die das Leben schreibt, sind halt doch die schönsten. So hat das Stück "Malaguenas" von Celedonio Romero, mit dem das Gitarrenensemble Los Romeros seine Zugaben-Kür einleitete, einen biografischen Hintergrund. Der Gründer der legendären Gitarrendynastie schrieb dieses Stück, als er seine Frau kennen lernte. Nun sitzen die Söhne und Enkel von Celedonio Romero auf der Bühne im ausverkauften Musiksaal der Kurbrunnenanlage in Rheinfelden/Schweiz und spielen dieses von spanischen Rhythmen geprägte Stück als Hommage an den Patriarchen der Familie. Viel Emoción holen sie aus den Saiten, auch all die persönlichen Gefühle, die mit diesem Stück verbunden sind.
Doch nicht nur typisch spanisch mit Flamencorhythmen, sondern auch betont weihnachtlich ging es beim Auftritt dieses international gefeierten Gitarrenquartetts in der Reihe "Klassiksterne Rheinfelden" zu. Auch in den Konzertprogrammen weihnachtet es sehr, und so führten Los Romeros unter dem Titel "Feliz Navidad" eine Sammlung von Christmas Carols aus aller Welt in Arrangements für Gitarrenquartett auf. Wenn Celin, Pepe, Lito und Celino Romero internationale Weihnachtslieder interpretieren, darunter "Carol of the Bells", "Joy to the World" und wohlvertraute traditionelle Melodien wie "Stille Nacht" oder "O Tannenbaum", kommt aber keine übertrieben rührselige Besinnlichkeit à la "Süßer die Gitarren nie klingen" auf; vielmehr hört man intim ausgehorchte und in den Gitarrenstimmen sehr differenziert nachgezeichnete Gitarrenversionen. Besonders reizvoll klangen die Villancicos, drei Canciones de Navidad, von Federico Moreno Torroba, die der Komponist für Los Romeros geschrieben hat, darunter eine pastorale Hirtenszene und ein sehr schönes Cancion über Josef und Maria.
Die Lebensfreude der Flamenco-Musik
Wenn spanische Gitarrenkünstler das Fest der Feste zelebrieren, klingt Fröhliches durch, Lebensfreudiges. Auch Flamenco-Einflüsse spielen immer wieder hinein, so in der Komposition "Colombianas" von Pepe Romero, in der Flamenco auf die Neue Welt trifft. Und immer, wenn Flamenco ins Spiel kommt, wie in der "Flamenco Improvisation", lassen die Romeros ihre rhythmische Brillanz durchblitzen, tönt ihr Temperament durch, und vorrangig Pepe Romero zeigt, wie sehr er die Virtuosität und den Flamenco im Blut und in den Fingern hat.
Nicht von ungefähr nennt man Los Romeros "die königliche Familie der Gitarrenmusik" und die "Großmeister an der Gitarre". Auch bei ihrem Gastspiel in Rheinfelden demonstrierten sie generationenübergreifende Homogenität und fein nuancierten Quartettklang. Im ersten Teil hatten sie einige Stücke ausgewechselt. Statt Tschaikowskys Nussknacker-Tänzen – die ja zu Weihnachten bestens passen würden – spielten sie den Fandango von Luigi Boccherini, original für Gitarre und Streichquartett. Zum klassisch ausgewogenen Klang des Gitarrenquartetts ließ Carissa Romero hier noch rhythmisch akzentuiert die Kastagnetten klappern. Ebenfalls neu ins Programm kam ein Prélude des Spaniers Ruperto Chapi.
Sehr transparent in den Stimmen spielten die Romeros Bachs Choral "Jesu, bleibet meine Freude" und auch der Lobgesang "For unto us a child is born" aus Händels "Messias" hatte in der filigranen Gitarrenfassung einen ganz eigenen Charme, ebenso wie das Vivaldi-Concerto, in dem die Gitarrenfarben schön zur Wirkung kamen. Aber am überzeugendsten waren Los Romeros doch im spanischen Repertoire, wenn sie mit flamenco-befeuerter Leidenschaft den Zuhörern frohe Weihnachten wünschten. In diesem Sinne: Feliz Navidad.
Quelle: Badische Zeitung vom 27.12.2011
Sehr romantisch, aber nie sentimental
Der britische Stargeiger Daniel Hope eröffnete die zweite Saison der "Klassiksterne Rheinfelden".
Auf dem Cover der CD "The Romantic Violinist" präsentiert er sich nostalgisch elegant gestylt: Der britische Stargeiger Daniel Hope hat sich auf die Spuren des romantischen Violinvirtuosen Joseph Joachim begeben. Joachim war eine der schillerndsten Figuren des 19. Jahrhunderts, gehörte zum Freundeskreis von Schumann und Brahms. Sein Einfluss auf die großen Komponisten und den Geigenstil jener Zeit war immens.
Mit ihrer "Hommage an Joseph Joachim" eröffneten Hope und sein Klavierpartner Sebastian Knauer die zweite Saison von "Klassiksterne Rheinfelden". Die Konzertreihe unter künstlerischer Leitung von Sol Gabetta bringt internationale Stars der Klassikszene in die Kurbrunnenanlage von Rheinfelden/Schweiz. Der begeisternde Auftakt mit dem fünffachen "Echo Klassik"-Preisträger Daniel Hope entführte in die große Epoche der Romantik – und beleuchtete die Zeit und das Umfeld der Geigenlegende Joseph Joachim. Alle Werke im Programm haben einen Bezug zu Joachim, dessen Auffassung von romantischem Klang sich Hope verpflichtet fühlt. "Joachim war romantisch, aber nicht sentimental", hat Hope in einem Interview gesagt. Und genauso spielt Hope auch: romantisch, empfindsam, tief erfühlt und erfüllt, aber nie sentimental dick aufgetragen, sondern eher kitschfrei. Sein Ton ist hell, schlank, geschmeidig, schwingt sich wunderbar leicht auf. Sein Spiel ist elegant bis in die hohen Violinlagen, geschmackvoll und sparsam im Gebrauch von Vibrato. Obwohl durch seinen russischen Lehrer Zakhar Bron geprägt, spielt Hope die Romantiker nicht im Stil der russischen Schule mit sattem Klang, sondern eher entschlackt, klar im Ton, aber gleichwohl sehr ausdrucksintensiv.
Das hört man schon im Scherzo von Brahms aus der F.A.E. Sonate, jenem Gemeinschaftswerk für Joseph Joachim. Hope spielt dieses Scherzo mit virtuoser Vehemenz. Mit feiner Noblesse des Gefühls vertieft er sich in Brahms "Regenlied-Sonate". Ein Traum, wie empfindungsvoll Hope das Adagio gestaltet. Mit sensibler Geigenstimme zeichnet er diese wehmutsvolle, zugleich trauererfüllte und tröstliche Musik nach. Das klingt unaufgesetzt, hat Tiefe und Intensität, und der Pianist Sebastian Knauer trägt Hopes Intention in idealer kammermusikalischer Partnerschaft mit: nobel in der Haltung, elegant im Ton, uneitel im Ausdruck.
Doch nicht nur das Brahms-Spiel des glänzend aufeinander eingehenden Duos beeindruckt. Auch wie gefühlvoll und intim Hope die Romanze von Clara Schumann spielt oder wie glühend emphatisch im Ton er die Romanze von Joseph Joachim interpretiert, das verrät einen modernen Romantiker ohne falsches Sentiment. Dass er auf seiner Violine auch liedhaft "singen" kann, zeigt Hope mit wunderbar leicht aufschwingendem Ton in eigenen Bearbeitungen von Mendelssohns "Auf den Flügeln des Gesanges" und dem spukhaften "Hexenlied". Den temperamentvollen Virtuosen mit rasantem Bogenstrich kehrt Hope in Brahms" Ungarischem Tanz Nr.5 (in einer Bearbeitung von Joachim) heraus.
Leidenschaft pur, große Gefühle und nordisches Kolorit boten Hope und Knauer dann in Griegs dritter Violinsonate c-Moll. Mit großer Expressivität, Spannungskraft und klangfarblicher Intensität lädt der Weltklassegeiger den Kopfsatz auf, wunderbar lyrisch und sehnsuchtsvoll horcht er den Mittelsatz aus, entfaltet im Schlusssatz Geigenmelos und viel Virtuosentemperament. Überwältigend! Sehr großzügig geben sich die beiden Künstler in der Zugaben-Kür. Sie spielen gleich drei Zugaben, Canciones von de Falla und ein Bachsches Largo – speziell für Sol Gabetta, die Leiterin der Reihe.
Quelle: Badische Zeitung vom 11.12.2011
Die Klassiksterne leuchten weiter...
Ein rundum positiver Rückblick auf die erste Saison und viel versprechende Konzerte für 2011/12.
Auf eine sehr erfolgreiche erste Saison kann der Konzertzyklus „Klassiksterne in Rheinfelden“, der von Sol Gabetta für den Musiksaal der Kurbrunnenanlage in Rheinfelden/CH organisiert wird, zurückblicken. Es gab denkwürdige Musikereignisse und Sternstunden , welche die kleinen Änderungen im Programmablauf mehr als wett machten. Fazil Say konnte am 15. Februar nicht wie vorgesehen in Rheinfelden auftreten. Die Presse vermerkte bezüglich des Klaviertrios, das schnell in die Bresche sprang: Nach der Pause erlebten die Zuhörer eine Art “historischen Moment”, die Geburtsstunde eines fulminanten Weltklasse-Trios. Quasi ad hoc formierten sich Patricia Kopatchinskaja, die Starcellistin Sol Gabetta und Khatia Buniatishvili zum Trio, um Tschaikowskys Klaviertrio aufzuführen. Bei der Interpretation dieses Werks hatte man das Gefühl, hier haben sich drei junge Ausnahmekünstlerinnen gesucht und gefunden.” Das Pech als Glücksfall par excellence.
“Wir haben gute Erfahrungen mit der Akustik im neuen Saal der Kurbrunnenanlage gemacht”, resümiert Christoph Müller, Mitorganisator der Reihe. Die vier Abende und das Extrakonzert seien vom Publikum positiv aufgenommen worden, und natürlich waren alle Konzerte ausverkauft. Dies zeige deutlich, dass es ein Potenzial an Publikum und Interesse für klassische Konzerte in beiden Rheinfelden gebe. Verständlich, dass auch bei Stadtbehörden, Kulturbüro, Saalverwaltung und privaten Gönnern grosse Zufriedenheit herrscht.
Einen Wermutstropfen gibt es für Christoph Müller allerdings trotz der rundum erfreulichen Bilanz: “Wir erreichen keine Kostendeckung ohne die Förderung durch die Öffentliche Hand,” so Christoph Müller. Trotz jeweils ausverkauftem Saal konnte nur mit dem Ticketerlös keine Kostendeckung erreicht werden. “Die Reihe präsentiert Künstlerinnen und Künstler, welche im obersten Segment der konzertierenden Musikerinnen und Musiker weltweit anzusiedeln sind”. Oder anders ausgedrückt: Der Saal ist eigentlich zu klein für diese Kategorie, um eine gesunde wirtschaftliche Basis erreichen zu können. Verständlich, dass man für die nächste Saison sich Ziele gesetzt hat, die genau dem Punkt gelten, die Wirtschaftlichkeit auf eine bessere Basis zu bringen. Noch mehr Publikum soll überregional und vor allem auch aus Süddeutschland erreicht werden. Dabei will man die Werbekosten senken und tendenziell die Zahl der Konzerte leicht erhöhen. Vor allem Wochenendpakete mit mehreren Konzerten an einem Wochenende könnten eine Lösung für die nicht leicht zu überwindende Problematik des Kurbrunnensaals bringen. Dies wird übrigens auch von den Rheinfelder Stadtbehörden sehr gewünscht.
Der Ausblick auf die kommende Saison der “Klassiksterne in Rheinfelden” verspricht jedenfalls wieder Top-Ereignisse, die dazu beitragen werden, Rheinfelden als Konzertort, als Kulturstadt überregional ins Gespräch zu bringen und damit Wirtschaftskraft an die Stadt zu binden. Nicht zuletzt generieren die Konzertgäste in dermStadt ja auch einen gewissen Umsatz, der Hotels, Restaurants und dem Tourismus allgemein zugute kommt und für die Partner oder Sponsoren wichtig ist. Sie brauchen attraktive, über den Tag hinaus bedeutende Konzertevents, um für ihren Einsatz ihre Risikobereitschaft im weitesten Sinnm“belohnt” zu werden.
Daniel Hope, der berühmte englische Violinsolist, macht am 27. November den Anfang. Sein Abend, eine Hommage an den legendären Geiger Joseph Joachim, wird samt und sonders Stücke im Programm haben, die mit Joachim eng verknüpft sind: Brahms-Sonaten, Werke von Clara Schumann, Beethoven, Mendelssohn und Joachim selbst.
Passend zur Vorweihnachtszeit gastieren unter dem Titel “Feliz Navidad” “Los Romeros” mit recht populären Stücken im Kubrunnensaal. Celin, Pepe, Lito und Celino Romero präsentieren einen Reigen klassischer Hits aus Barock und Romantik. Musik mit Tiefgang und garantiertem Hörgenuss.
Ein Klavierrezital folgt am 22. Februar. Gabriela Montero (unser Bild) spielt Chopin und südamerikanische Komponisten, wie Ginastera, Ernesto Lecuona, Ernesto Nazareth und Moises Moleiro. “Das Improvisationswunder aus Venezuela! Die phänomenale Tastenkünstlerin improvisiert über Themen aus Klassik, Pop, Film, Barock, Folk oder Jazz und verschmilzt Stile und Epochen spielend und grenzenlos”, so das Programm in der Ankündigung.
Julia Fischer, die am 17. März im Kurbrunnensaal spielt, ist gewissermassen eine feste Bank. Sie gehört zum Kreis der Spitzensolistinnen an der Violine und bringt auch ein Programm mit, das überraschen dürfte. Beethovens G-Dur Sonate, op. 96, eine Solosonate von Eugène Ysaye und die wirklich selten gehörte Violinsonate von Camille Saint-Saens.
Ein Abend der Überraschungen
Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Khatia Buniatishvili im schweizerischen Rheinfelden.
Dass Patricia Kopatchinskaja am liebsten barfüßig auftritt, weil sie dann beim Spielen den Körper besser spüren kann, ist keine Show, keine Marotte. Es wirkt so authentisch wie alles an dieser Geigerin, die mit ihrer ungezähmten Spielweise ein Gegenentwurf zu den glattpolierten Hochglanz-Violinstars ist. Eigentlich hätte Kopatchinskaja in der Reihe "Weltklassik in Rheinfelden" zusammen mit dem türkischen Pianisten Fazil Say auftreten sollen, einem der angesagtesten Klavierstars. Da Say erkrankt war, musste improvisiert und Programm und Besetzung geändert werden. So erlebte das Publikum im ausverkauften Musiksaal der Kurbrunnenanlage im schweizerischen Rheinfelden einen Abend der Überraschungen.
Den ersten Teil gestaltete Patricia Kopatchinskaja mit Werken für Violine solo. Sie begann mit der Fantasia e-Moll von Telemann. Mit ihrem unprätentiösen, körperhaften und doch strukturbetonten Spiel macht sie aus diesen barocken Sätzen mit ihrem tänzerisch ausgeprägten Charakter alles andere als bloße Einspielstücke. Als Kontrast dann der Szenenwechsel zur Neuen Musik mit kurzen, skizzenhaften Stücken von György Kurtág aus "Signs, Games and Messages" und den "Kafka-Fragmenten". Man spürte, wie sehr Patricia Kopatchinskaja mit der Musik des Komponisten vertraut ist. So lustvoll führt sie diese Miniaturen auf, die in ihrer Kürze und den gelegentlichen Sprechgesang-Einlagen wie kleine Violin-Theatersequenzen wirken. Mal blüht der Geigenton poetisch auf, mal klingt er verlöschend wie ein Hauch, dann wieder blitzt er harsch und spröde auf.
In der zweiten Sonate für Violine und Klavier von Béla Bartók hatte Patricia Kopatchinskaja dann die erst 23-jährige Georgierin Khatia Buniatishvili an ihrer Seite, die viele als eine der großen kommenden Pianistinnen sehen. Es war großartig, wie sie sich mit Stil und virtuoser Überlegenheit als Klavierpartnerin so schnell auf das Temperament der Geigerin einstellte. Kopatchinskaja legte mit ihrer Duopartnerin ein Bartók-Spiel von heftiger Expressivität vor, emotional aufgeladen und bis zum Zerreißen gespannt. Da war eine Gefühlsmusikerin zu erleben, die sich mit Haut und Haar, mit vehementer Ausdrucksintensität dieser Musik ausliefert, sich mit dem ganzen Körper in das Violinspiel legt, oft bis an die Grenze zum Schmerzlich-Aufgewühlten.
Nach der Pause erlebten die Zuhörer eine Art "historischen Moment", die Geburtsstunde eines fulminanten Weltklasse-Trios. Quasi ad hoc formierten sich Patricia Kopatchinskaja, die Starcellistin Sol Gabetta und Khatia Buniatishvili zum Trio, um Tschaikowskys bedeutendstes Kammermusikwerk aufzuführen: das ausladende Klaviertrio a-Moll op. 50. Bei der Interpretation dieses Werks hatte man das Gefühl, hier haben sich drei junge Ausnahmekünstlerinnen gesucht und gefunden. So von einer musikalischen Linie getragen klang ihr Zusammenspiel – als würden sie schon ewig zusammen spielen. Tiefelegisch entfalteten Gabetta und Kopatchinskaja den ersten Satz, überlegen und mit Finesse gestaltete die Pianistin den vollgriffigen Klavierpart, ohne selbst im Fortissimo die Streicherinnen zu überdecken. Große Kammermusikkunst auch im Variationensatz über ein russisch gefärbtes Liedthema. In diesen Variationen konnte das Trio mit allen Facetten seiner Spielkunst aufwarten, mal entfesselt und energisch, mal mit weichem Streicherklang und zarten Klavierarpeggien – ein leidenschaftlicher Tschaikowsky.
Quelle: Badische Zeitung vom Montag, 21. Januar 2011
Die Liebesgeschichte eines ungleichen Paares
Lesung mit Musik eröffnet Reihe "Weltklassik in Rheinfelden".
Es muss in einer stürmischen Nacht bei strömendem Regen gewesen sein, als Frédéric Chopin in der Kartause von Valldemossa sein berühmtes Regentropfen-Prélude komponierte. Die Regentropfen, die auf das Dach der Kartause prasselten, verwandelten sich in Chopins tonschöpferischem Geist zu Tränen: So beschreibt es George Sand, die eigenwillige Schriftstellerin und Lebensgefährtin des Komponisten, in ihren Erinnerungen an diesen Winter auf Mallorca.
Die selbstbewusste, tatkräftige, exzentrische Schriftstellerin und der empfindsame, feinnervige Klavierpoet – um die Liebesgeschichte dieses so ungleichen Paares drehte sich der literarisch-musikalische Abend "Ein Winter auf Mallorca – Die Wahrheit", mit dem die neue, unter künstlerischer Leitung von Starcellistin Sol Gabetta stehende Konzertreihe "Weltklassik in Rheinfelden" in prominenter Besetzung begann. Die Schauspielerin Hannelore Elsner las Texte der Sand über die legendenumwobene Mallorcareise, und der Pianist Sebastian Knauer, von dem auch die Programmkonzeption stammt, spielte einige der Préludes, Polonaisen und Mazurken des "traurigen Polen", die in diesem Winter auf Mallorca entstanden sind. Die beiden Künstler entführten die 320 Zuhörer im ausverkauften Musiksaal der Kurbrunnenanlage in Rheinfelden/Schweiz in den mallorquinischen Winter 1838/39.
Ungeschönt und oftmals ironisch blickt George Sand auf diese Mallorca-Reise mit ihren Kindern Maurice und Solange und ihrem Geliebten Chopin zurück, die unter keinem guten Stern stand. Sand schreibt von der Fahrt mit dem Schiff nach Palma, bei schönem Wetter und ruhiger See, aber auch vom unvermittelten Einbruch des Winters, vom stürmischen Wind, den Regengüssen und der kalten Kartause, die Chopins angegriffenen Gesundheitszustand verschlimmerten und zu einer Lungenentzündung führten. "Krank wie ein Hund" fühle er sich, schrieb er in einem Brief. "Als Kranker war der arme große Künstler unausstehlich", schildert George Sand die Leiden des tuberkulosekranken Klavierpoeten, der sich im spanischen Klima nicht wie erhofft erholte, sondern das einsam gelegene Kartäuserkloster in seiner übererregten Fantasie und seinem "überfeinerten Nervensystem" als seltsamen, geisterhaften Ort und die Monate auf der Insel als "Qual" empfand – auch für die mit Krankenpflege beschäftigte George Sand wurden sie zur "Marter": "Es war der schönste Ort, an dem ich je gewohnt hatte, und ich hatte kaum etwas davon gehabt". Sand malt das Bild des hochgradig empfindlichen Genies, bleich am Klavier sitzend, mit verstörtem Blick. Sehr poetisch und dicht schildert Sand einmal die Rückkehr von nächtlichen Erkundungsgängen in der Klosterruine, als sie Chopin in seine Welt versunken am Klavier vorfand, eines seiner meisterlichen Préludes komponierend, so "erfüllt von geheimnisvollen Harmonien der Natur", so erhaben in der Poesie, dass es einem "das Herz schwer macht".
Hannelore Elsner, in rotem Kleid und schwarzen Stiefeln, liest diese Texte aus dem Roman und der Autobiografie von George Sand mit sinnlicher Stimme, feinsinnig und poesievoll im Ton. Und sie lässt die Szenen in der mallorquinischen Kartause, die Schilderungen über Chopins sensibles Genie, über das Alltagsleben in der "romantischen Einsamkeit", wo selbst einfachste Medikamente kaum aufzutreiben waren, sehr anschaulich werden.
Stimmig mit der Rezitation verflochten sind die wundervollen Klavierpreziosen Chopins, die Sebastian Knauer unsentimental, klar und kultiviert, mit feinfühligem Gespür für den lyrischen Klangzauber, das Poetische, Träumerische, Melancholische der Préludes und Nocturnes spielt. Auch den tänzerischen Charakter der Mazurken und das leidenschaftlich-dramatische Element in den glänzenden Polonaisen op.40 und in der Etüde c-Moll weiß er pianistisch differenziert darzustellen. So verweben sich Lesung und Klavierpoesie zu einem stimmungsdichten Gesamtbild.
Quelle: Badische Zeitung, 12.12.2010
Klassik: Drei Abende mit Stars im Abonnement
Die Weltklassecellistin Sol Gabetta (Bild) hat die künstlerische Leitung einer Konzertreihe im aufwändig renovierten Kurbrunnen-Saal in Rheinfelden/Schweiz. Unter dem griffigen Titel „Weltklassik in Rheinfelden“ veranstaltet die 28jährige Echo-Klassik-Preisträgerin zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem Konzertmanager Christoph Müller, drei Abende im Abonnement mit Stars wie der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und dem Flötisten Emmanuel Pahud unter dem Motto „Gabetta & Friends“ und ein Extra-Konzert mit Gabetta selber und ihrem auf alten Instrumenten spielenden Ensemble „Cappella Gabetta“.
Bevor die Reihe am 9. Dezember mit „Ein Winter auf Mallorca“ mit Texten und George Sand und Musik von Fréderic Chopin beginnt (Rezitation: Hannelore Elsner), wird der Musiksaal in der Kurbrunnenanlage am Sonntag, 22. August, bei einer Matinee um 11 Uhr, mit dem Basler Capriccio Barockorchester und Werken von Vivaldi und der Familie Bach wieder eröffnet. J.S.
Quelle: Südkurier, 18.08.2010






